Gestern wurden wir unfreiwillig Zeugen, wie Hundeadoption in Andalusien (auch) funktioniert.

In einer unübersichtlichen Kurve fahren wir fast in einen mit allerlei Gepäck vollgepackten Kleinwagen, der dort andalusisch parkiert ist (sprich: Pannenblinker ein und mitten auf der Strasse anhalten).
Ein junger Mann im Wollpullover stapft um den Renault und fuchtelt uns etwas zu, was ich als «warte kurz, wir haben ein Problem» interpretiere und Patric als «fahr einfach endlich vorbei»…

Wie ich anfahren und vorbeiziehen will, bemerken wir einen Junghund, Modell «Baby-Bernhardiner» auf der Strasse, um den sich der liebenswerte Herr offenbar grad kümmert. Um das Chaos nicht noch grösser zu machen und den Hund nicht zu gefährden, bleiben wir also geduldig stehen – wir haben ja Zeit.  🙂

«Das ist echt ein guter Typ, dass er sich um die Sicherheit des Tieres kümmert», denken wir uns, jeder für sich, und beobachten, wie er das Tier ein wenig unbeholfen von der Strasse zu bekommen versucht.

Da gesellt sich noch eine weisse Version des Welpen hinzu – wir so: «Jöööö, lueg es hät zwei!»
Nun hat Wollpullover ganz schön viel um die Ohren mit den beiden Rabauken.

Kurzerhand packt er das hellere der beiden Fellbündel, klemmt es sich unter den Arm und bringt es zu unserem grenzenlosen Erstaunen nicht an den sicheren Strassenrand, sondern steigt damit in den Fond des Wagens! Dieser nimmt Fahrt auf und verschwindet in der nächsten Kurve.

Ehm, ja. Es gibt nicht viele Momente, wo mir sprachlos die Kinnlade hängt – aber dies ist so einer.
Ungläubig schauen wir einander an und fragen uns, ob das, was wir gerade gesehen haben… – Echt jetzt?!?  😮

Was machen wir nun? Hat der echt den Hund geklaut – äh, «adoptiert»? Einfach so, bei Sonnenschein, am Nachmittag? Vor der Einfahrt zum mutmasslichen Daheim des Kleinen?

Klein Bernhardiner sitzt am Strassenrand und schaut konsterniert in die Gegend. Der macht auch nicht den Eindruck, dass das normal ist, dass sein Gspänli einfach mal so untertaucht.

Und nun? Sollen wir beim Haus klingeln und in «pequeño-pequeño-Español» mal kurz erklären, dass da jemand einen Hund abtransportiert hat?
Oder lieber hinterherfahren und sehen, dass wir das Kontrollschild wenigstens haben, und dann abends auf dem Heimweg stoppen und fragen?
Was, wenn der Hund gar nicht gestohlen wurde? Das wär dann eher peinlich.
Aber wie eine liebevolle Hundeadoption sah es ja nun auch nicht aus…

Wir entscheiden uns für’s Kontrollschild; das hilft den Leuten bei einem allfälligen Diebstahl mehr, als unsere halbspanische Räubergeschichte.

Also los… schnellstmöglich die Kurven genommen, denn der Vorsprung des Kleinwagens beträgt doch schon einige Augenblicke.

Unser Vorteil ist, dass wir diese lange Nebenstrasse mit den tausend Kurven täglich 2x fahren und einen rassigen Wagen unter dem Hintern haben – ein Stück weiter holen wir das unbeholfene Gefährt ein und machen «diskret» ein Photo von Kontrollschild und Wagen.

Nach kurzer Zeit hält das Auto wieder an – wahrscheinlich, um uns passieren zu lassen. Also abgebremst und langsam daran vorbei… Zu unserer grossen Verwunderung steigt Wollpullover (ohne Hund) wieder aus dem Wagen und winkt uns zu!
Beim genaueren Hinsehen verstehen wir aber, dass er ziemlich sauer ist auf uns, und uns eine gratis Lektion in Fluchen auf Spanisch erteilt. Wir verstehen (noch) nicht, was er sagt, aber seine Gesten (er «photografiert») sind eindeutig und der böse Blick spricht Bände.

«Wir gehen mal lieber», sagen wir uns, und geben Gas. Zum Glück ist uns die kurvenreiche Strecke einigermassen vertraut, und so nutzen wir die zahlreichen PS vom Sködi schamlos aus. Gut auch zu wissen, wie die spanischen Verkehrsregeln funktionieren (oder eben nicht funktionieren), und so donnern wir davon, um möglichst viele Kurven und Kreuzungen zwischen uns und den wütenden Wollpullover zu bringen.
Entspannt ist anders… uns war echt nicht mehr wohl (wer die Autos hier gesehen hat, weiss auch, warum 🙂 )

Seltsamerweise folgt uns der Wagen nicht. Wir schauen immer wieder zurück, aber er ist nicht mehr zu sehen. Etwas Erleichterung macht sich breit. Aber es ist auch seltsam.

Irgendwie lässt uns die Sache keine Ruhe. Und so beschlossen wir heute Abend, den mutmasslichen (Ex-)Besitzern des Fellbündels doch wenigstens Bescheid zu sagen und ihnen die Angabe zum Kontrollschild auszuhändigen, wenn sie es möchten. Immerhin hat es an dem Haus ein riesiges Kaninchengehege (Paradies!) und noch andere Tiere – sie scheinen Tierfreunde zu sein…

Mit einer google-Übersetzung ausgestattet stoppten wir also an der Einfahrt und warfen erstmal einen Blick rein – wär ja zu peinlich, wenn dort der Renault von gestern womöglich parkiert wäre.  🙂

Der Renault war nicht da.

Aber dafür wieder zwei Baby-Bernhardiner! DAS ist ja ein Ding!
Da hat wohl einer ein schlechtes Gewissen oder Angst bekommen wegen unseres Photos…

Auch gut. HappyEnd für die beiden Fellfreunde. Und für deren ahnungslose(?) Familie!  🙂

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Agnes
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Agnes

War sehr interessant zu lesen! Vielleicht hat die Mutter mehrere kleine weisse Wollbündel und einer
fehlt jetzt!!??

Patric
Webmaster

Wir haben schon vor der „Adoption“ nur zwei kleine weisse Hunde gesehen. Und als wir wieder bei dem Haus waren, haben wir genau diese zwei wieder gesehen.
Eine Mutter haben wir nicht gesehen. Vielleicht sind diese zwei kleinen Welpen ja nicht wirklich dort geboren…und wurden vor kurzem auch adoptiert…