Auswandern bedeutet auch, sein Weltbild anzupassen, respektive zu erweitern. Ein immer wieder eindrückliches Beispiel dazu ist das Autofahren in Andalusien (vielleicht in ganz Spanien 🙂 – aber wir wollen hier ja nicht ein riesiges Land ungesehen pauschalisieren).

Autofahren in Andalusien benötigt definitiv viel Geduld und gute Nerven. Danebst viel Konzentration und viel zu trinken. Und es lohnt sich, ein Auto mit automatischer Schaltung, Tempomat und Abstandskontrolle zu fahren – das macht alles ein wenig erträglicher und entspannter.

Die Strassen hier sind das pure Gegenteil zur Schweiz: hier wird nichts gegradet, sondern der kleinste Hügel über- oder umfahren. Entsprechend kurvenreich und unübersichtlich sind viele Strecken. Wenn man eine kleinere Nebenstrasse erwischt, sei dies nun aus Neugierde oder Versehen, kann man schon mal auf kilometerlangen, steinigen Bergstrecken landen, die allerhöchstens SUV-tauglich sind.

Wir werden den Eindruck nicht los, dass in Andalusien das Aufstellen von Schildern subventioniert sein muss – der Schilderwald hier ist wirklich beachtlich. Ein besonders eindrückliches Beispiel dazu steht bei Almeria:

Autofahren_Inhalt On the road – Autofahren in Andalusien
Step-by-Step

Manchmal ist die Schilderstellung auch eher sinnfrei. So kommt es vor, dass auf einer Strecke, wo maximal 70 km/h erlaubt sind, auf dem blauen Schild für empfohlene (sichere) Geschwindigkeit 80 km/h angeschrieben sind. 🙂 Verbreitet ist auch das Überholverbot am Bahnübergang oder auf Strassen, wo gar keine zwei Autos nebeneinander Platz haben.

Autofahren_LaIndiana On the road – Autofahren in Andalusien
Hier darf auf gar keinen Fall überholt werden!!!

Spanien ist das erste Land, das ich kenne, wo es anscheinend keine Bevölkerungsgruppe gibt, der ihr Auto irgendwie wichtig oder gar Statussymbol sein könnte. Und das ist gut so, denn einerseits bleibt der frisch gewaschene Wagen nie länger als für ein paar Stunden sauber (wenn überhaupt), und andererseits sind hier die meisten Autos verbeult, verschlagen, notdürftig repariert oder von Natur aus einfach hässlich.

Man tut sich selber einen Gefallen, wenn man keine innige Beziehung zu seinem fahrbaren Untersatz hat. Es erspart einem viel Leid, blanke Nerven und Kosten.

Autofahren in Andalusien ist auch nichts für Klaustrophobiker. Ausser man sitzt in einem Smart, dann gehts. Vor allem die hübschen Pueblos Blancos haben so ihre Tücken. Da sind wir schon mehrfach in Strässchen gelandet, wo man nur hofft, nicht steckenzubleiben – und vor allem bloss keinen Gegenverkehr zu haben!

Es soll nicht arrogant rüberkommen, aber Autofahren können hier anscheinend die wenigsten. Auf Andalusiens Strassen tummeln sich drei Gattungen von Autofahrern: die, die’s nicht können (grosse Mehrheit), die Lebensmüden, die den Adrenalinkick suchen oder sich für unsterblich halten und die Mietautos mit Touristen, wo man sich jederzeit auf U-Turns über Sicherheitslinien, Bremsungen an unmöglichen Orten oder verzweifeltes Anhalten mitten im Kreisverkehr gefasst machen muss.

Erstere fahren völlig schmerzfrei so langsam, wie es irgendwie geht, und das konsequent! Das kann 60 km/h im 90er bedeuten, auf gerader Strasse bei strahlendem Sonnenschein. Aufgrund «interessant» gesetzter Überholverbote und deren Aufhebung ist ein Passieren vor der folgenden Kurve oft nicht möglich.

Die Adrenalinjunkies starten dann in der Kurve zum Frontalangriff (auf allfällig entgegenkommende Fahrzeuge), die anderen verzweifeln hinter dem Bremsklotz bei 60 km/h in der prallen Sonne auf den nächsten gefühlten 100 Kilometern bis zur Schnellstrasse, wo ein Überholen vielleicht machbar wird…

Überholen auf spanisch ist übrigens einfach: man fängt einfach mal an und nimmt so viele Wagen wie möglich. Sollte unerwartet Gegenverkehr auftauchen, einfach auf die eigene Unsterblichkeit vertrauen und rechts einschwenken; die bereits überholten Fahrer regeln das dann schon irgendwie und machen Platz – wenn nicht, gibt’s halt ne kleine oder grössere Beule, alles halb so schlimm.

Kreisverkehr ist hier auch so ne Sache. Kreisel gibt es viele. Sogar, wenn sie nur um ein Verkehrsschild drehen. Bei den grösseren Exemplaren kommt dann wieder die Fahrtauglichkeit zum Tragen. Da kann man – ähnlich wie in der Schweiz – schon mal eine geraume Zeit vor leerem Kreisel warten, bis der verbeulte Wagen tapfer aufs Rondell gesteuert wird. Die meisten hier blinken links, bis sie den Kreisel wieder verlassen. Manche schaffen es dann nicht, den Blinker rechtzeitig auf rechts zu wechseln, und so muss man immer ein wenig damit rechnen, dass man evtl. bei schwungvoller Abfahrt aus dem Rondell doch noch von der Schnecke vor einem abgeschossen wird.

Radarfallen gibt es hier auch. Aber die müssen vorangekündigt werden. Eigentlich eine gute Sache. Nur dass man nun eine Lücke gefunden hat, um diese Regel ein wenig auszudehnen: Die Hinweisschilder, worauf steht, dass auf den nächsten 70 Kilometern Radarfallen stehen (könnten). Nicht sehr hilfreich.

Offen gestanden kümmere ich mich inzwischen GAR nicht mehr um die Geschwindigkeitslimiten; weil meistens ist mir eh nicht klar, wie schnell denn aktuell erlaubt wäre – bei dem Schilderwald ist es schwierig, die Übersicht zu behalten, und es ändert meist eh alle paar Meter, wie schon gesagt: Schilder-Subvention! Also innerorts verantwortungsvoll gemütlich und ausserorts so schnell es situationsbedingt eben geht.

Funktioniert bislang bestens! Zu Beginn vermuteten wir, dass es an unserem CH-Kontrollschild liegen könnte. Aber auch nach dem Wechsel zum spanischen Kontrollschild (welches übrigens einfach mit Super-Klebeband ans Auto geklatscht wurde) hat sich diesbezüglich keine Veränderung eingestellt. Auch gut!  🙂

Dabei sind die Verkehrsregeln hier teilweise beeindruckend strickt: Trinken und Essen am Steuer – verboten. Hände aus dem Fenster – verboten. Füsse aufs Armaturenbrett – verboten. Und die Bussen für solche Vergehen dann ziemlich saftig.

Leider gibt es hier auch so ein Knöllchen-System, ähnlich wie in Deutschland. Man startet mit (nur) 12 Punkten, und für jedes Vergehen werden davon einige abgezogen. Ist das Konto leer, muss man zur erneuten Fahrprüfung antreten. Dieser Aspekt bereitet mir doch ein wenig Sorgen; einerseits, weil uns das Verkehrssystem hier nicht ganz klar ist, andererseits wegen der Sprachbarriere. Aber am allermeisten wegen den unzähligen superschmalen Strassen und winzigen Parklücken hier in Ronda! In dem Labyrinth einen Führerschein machen? – Nein, danke!

Autofahren_schmale-Strasse-e1502449669579 On the road – Autofahren in Andalusien
Unser tägliches Strassen-Roulette: Hoffentlich fahren wir nie in eine solche Strasse hinein!

Parkplätze sind in Ronda eher Mangelware. Zumindest, wenn man nicht meilenweit laufen möchte.
Daher ist es problemlos möglich, im Parkverbot zu halten, den Pannenblinker einzustellen und kurz was zu erledigen; zumindest, wenn eine Person im Auto bleibt.
Diese Praktik funktioniert auch mitten in Einbahnstrassen oder auf dem Kreisverkehr, wo die folgenden Fahrzeuge dann einfach warten, bis erledigt ist, was zu erledigen war.

Das Beste an Spaniens Autofahrern – zumindest hier in Andalusien – ist ihre unendliche Geduld. Angehupt wird man kaum. Wenn eine Vorfahrt nicht klar ist, nehmen sie meistens Rücksicht.
Wenn man zu langsam fährt (das kann durchaus auch mit 120 km/h bei erlaubten 90 km/h der Fall sein), hängen sie einem zwar an der Stossstange, dass man beim Blick in den Rückspiegel Schweissausbrüche riskiert, aber setzen dann baldmöglichst zu einem dieser mörderischen Überholmanöver an.

Parkieren auf andalusisch ist auch so eine Sache: (schweizerisch) korrekt ins Parkfeld ist für Anfänger. Und bei all den zerkratzten und verbeulten Autos auch nicht zu empfehlen. Wie schon gesagt: Spanier ziehen es nicht mal in Betracht, dass ein Fahrzeug für Menschen einen emotionalen Wert haben könnte.

Autofahren_Parking02 On the road – Autofahren in Andalusien
Optimale Ausnutzung der Parkfläche

Es empfiehlt sich unserer Erfahrung nach, einen Bogen um verbeulte und hässliche Autos zu machen (nicht so einfach bei der grossen Menge derselbigen) und entweder bei Säulen oder im nächsttieferen, noch leeren Stockwerk zu parkieren, wenn möglich.

Oder es ganz spanisch zu machen, indem man mit seinem Wagen 2, oder noch besser gleich 4 Parkfelder belegt. Das schafft Raum! Die Spanier sind wirklich Meister darin, mit einem Kleinwagen mehrere Parkfelder zu nutzen, wir staunen immer wieder!

Manchmal sehen sie aber auch vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr. Schon mehrfach konnten wir ein völlig verzweifeltes Manöver beobachten, wo mit unzähligem Vor-und-Zurück (welches – nebenbei erwähnt – die Situation nur noch verschlimmerte) verzweifelt versucht wird, den verbeulten Kleinwagen in die letzte verbleibende Lücke auf der einen Seite zu bekommen, während direkt gegenüber unzählige Parkplätze frei und einfach zugänglich sind…

Apropos Autofahren: Wir haben beide keinen Führerschein mehr. Und das bleibt nun für die nächsten ca. 5 Monate so, bis der neue, spanische Ausweis erstellt wurde. Wir sind schon ganz gespannt auf dieses Wunderobjekt. 5 Monate Produktionszeit – da muss ja schon etwas besonderes dabei rauskommen! Mehr dazu dann aber in einem der nächsten Blogs.  🙂

Wollt ihr noch mehr kuriose Strassenbeschilderungen sehen? Wir haben noch einiges auf Lager… und werden das auf Instagram, Facebook und natürlich auch auf unserer Foto-Seite in den nächsten Wochen veröffentlichen. Unsere Instagram- und Facebook-Seiten kann man übrigens auch ohne eigene Social-Media-Profile ansehen…

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