Was bisher geschah: Nach meinem Unfall in einer kleinen französischen Stadt, konnte ich mein Bike nach langem Hin und Her in die Harley-Werkstatt nach Toulouse bringen lassen. Dort brauchte ich alle meine Überredungskünste, damit der Werkstattchef himself meine Harley noch am selben Tag reparierte und so meine Weiterfahrt ermöglichte. Hier geht’s zu Teil 1 und Teil 2.

Ich übernachte in Toulouse, da es schon bald dunkel wird und vor mir die Pyrenäen liegen. Am nächsten Morgen hängen dicke schwarze Wolken über der Stadt, und es regnet. Ein Pausentag liegt leider nicht drin, da ich durch den Unfall schon einen Tag «verloren» habe. Ich ziehe mich also warm an, schlüpfe in meinen Regenschutz, und meine Lederstiefel schütze ich mit je einem Abfallsack. Die Abfallsäcke an den Füssen sehen nicht so toll aus, man kann kaum laufen und muss beim Schalten und Bremsen aufpassen, dass man sich nicht verheddert, aber so bleiben die Füsse zumindest trocken.

Die Fahrt im Regen macht nicht ganz so viel Spass, besonders nicht mit einem Jet-Helm. Von der Landschaft bekomme ich auch nicht viel mit: Es ist dunkel, trüb und die Wassertropfen auf dem Helmvisier begünstigen die Sicht auch nicht besonders. Langsam beginne ich zu frieren. Ich halte an einem McDonalds an, um zu essen und mich etwas aufzuwärmen. Um wieder nach draussen in den kalten Regen zu gehen, brauche ich dringend eine Motivationsspritze. Also setze ich ein Ziel für heute Abend: Übernachtung in einem 4-Sterne Hotel mit Spa in Andorra. Wenn ich zügig fahre, kann ich das Spa am Abend noch richtig geniessen und mich aufwärmen…

Die Fahrt in die Berge ist abgesehen vom Regen ganz schön. Leider werde ich aber von der Familienkutsche vor mir gebremst. Ich könnte etwas schneller fahren, doch bei diesem Wetter möchte ich auf der unübersichtlichen und nassen Strasse nicht überholen. Und hinter mir drückt ein Land Rover…

Zum Glück kommt nach einigen Kilometern eine Baustelle. Dort müssen wir anhalten, und ich kann vor dem Familienauto an die Pole-Position. 😃 Jetzt kann ich endlich mein Tempo fahren, ohne Land Rover im Genick und mit dem Spa vor Augen. 😃

Doch es dauert nicht lange, schon bald taucht der Land Rover in meinem Rückspiegel auf. Nein, von dem lasse ich mich nicht überholen! Ich fahre also etwas zügiger, doch der Land Rover schliesst auf und klebt an meinem Auspuff. Wir liefern uns also ein Rennen auf den kurvigen Strassen die Pyrenäen hinauf. In den Kurven holt er auf, doch aus den Kurven heraus kann ich schneller beschleunigen. 😃 Im Rückspiegel sehe ich, wie er immer wieder ausschert und zum Überholen ansetzt… doch er schafft es nicht. 😃 Hat er mir mit der Lichthupe ein Zeichen gegeben? Einfach nicht beachten und weiterfahren…

Dann kommt wieder eine Baustelle, der Asphalt ist weg und ich muss auf einer Kiesstrasse fahren. Okay, jetzt kapituliere ich und fahre nur noch im Schritttempo. Bei der nächsten Gelegenheit fahre ich rechts ran und lasse meinen Verfolger überholen. Doch der überholt mich nicht, sondern hält neben mir an und lässt das Fenster hinunter. In gebrochenem englisch sagt er zu mir: «Hey, du hast dein Kontrollschild vor ein paar Kilometern verloren!»

Mein was? Kontrollschild? Echt? Ich steige ab und schaue nach. Tatsächlich… es ist weg! Als Erstes kommt mir das Bild von gestern Abend in den Sinn: Das Kontrollschild hängt etwas schief am Töff. Ich sagte dem Werkstattchef ja noch, das es schief hängt. Er meinte, das könne er nicht gerader anbringen. Und ich Depp habe das nicht kontrolliert!

Okay, und wie weiter jetzt? Ich habe noch über 1000 Kilometer vor mir. Diese Strecke ohne Kontrollschild zu schaffen scheint mir unmöglich. Besonders auch darum, weil in wenigen Kilometern der Zoll von Andorra kommt. Die lassen mich bestimmt nicht so weiterfahren. Das Kontrollschild in den Pyrenäen suchen? Das kann irgendwo liegen. Wenn es abfällt und ein Auto darüber fährt, fliegt es in grossem Bogen die steile Böschung hinunter (ich habe vor Jahren mal auf einer Schweizer Autobahn ein Kontrollschild verloren… und es dann auf der anderen Seite der Autobahn wieder gefunden). Oder soll ich in Andorra warten, bis ich von der Schweiz ein neues Kontrollschild zugeschickt erhalte?

Mir bleibt wohl nichts anderes übrig, als zurückzufahren und mein Nummernschild zu suchen. So wie früher im Militär: SBG – Suchen bis gefunden. Oder bis es dunkel wird.

Ich fahre ganz langsam die Passstrasse hinunter und halte Ausschau nach meinem Kontrollschild. Ich versuche mir auszumalen, wo es etwa passiert sein könnte. Da kommt mir plötzlich in den Sinn, dass ich kurz nach einer Kurve einen Car gekreuzt habe. Und da hat etwas komisch «geknallt». DAS könnte mein Nummernschild gewesen sein, als es vom Car überfahren worden ist. Aber wo war das nur? Irgendwie sieht jede Kurve gleich aus…

Nach ein paar Kilometern gebe ich auf. Weiter unten kann es nicht gewesen sein. Also wende ich meine Harley und fahre wieder den Berg hinauf – ganz langsam. Plötzlich sehe ich am rechten Strassenrand etwas glänzen. Ich halte 50 Meter weiter oben in einer kleinen Ausbuchtung der Strasse an und gehe zu Fuss zurück. Und tatsächlich: Mein Kontrollschild liegt dort. Es sieht etwas mitgenommen und leicht verbeult aus. Aber das Wichtigste: Ich habe es wieder! 😀

Die Fahrt geht weiter. Immer höher hinauf. Es wird kälter und kälter. Und der Nebel bzw. die Wolken immer dichter. Den Zoll zu Andorra sehe ich fast nicht… die Sicht beträgt noch knapp 10 Meter. Ich muss mich jetzt voll auf mein Navi verlassen – bei praktisch null Sicht durch ein kleines verwinkeltes andorranisches Dorf. Strassenschilder lesen geht nicht mehr. An einer Hausfassade erspähe ich ein Leuchtschild mit Temperaturanzeige: 2 Grad. Super, 2 Grad bei leichtem Nieselregen und steil ansteigender kurvenreicher Passstrasse. Wie lange geht es wohl noch, bis es schneit?

Ich habe Glück. 😀 Ich bin auf der Passhöhe (es sieht zumindest so aus) und es hat keinen Schnee auf der Strasse. Und es geht wieder bergab. 😀 Nach ein paar Kurven sind sogar die Wolken weg, und ich sehe den Himmel. Zum ersten Mal heute.

Ich komme meinem heutigen Ziel, meinem Wellnesshotel in Andorra La Vella, immer näher. Jetzt kann mich nichts mehr aufhalten…

Falsch gedacht! Plötzlich überholt mich in riskantem Fahrmanöver ein kleiner blauer Jeep. Er schaltet die Pannenblinker ein und bremst mich aus. Mitten auf der Strasse hält der Jeep an und eine Frau steigt wild gestikulierend aus. Was soll das jetzt???

Sie kommt auf mich zu und sagt mir, dass mein Kontrollschild bald abfallen wird… Ich steige von meiner Harley ab und gehe hinten. Und tatsächlich: das Kontrollschild baumelt an nur noch einer losen Schraube! Glück gehabt – das Nummernschild wäre bald abgefallen.

Okay, jetzt habe ich genug! Ich fahre in die nächste Autogarage und sage dem Mechaniker, er soll zwei Löcher in das Kontrollschild bohren und es an meine Harley nieten. So, jetzt kann es nicht mehr abfallen. 😀

Am Ende dieses nervenaufreibenden Tages geniesse ich den Abend in einem menschenleeren Hotel-Spa. Das habe ich mir heute wirklich verdient!

Mein erster Stopp in Spanien ist bei einem Freund in der Nähe von Tarragona. Und hier habe ich zum ersten Mal richtig warm – es ist 30 Grad. 😀 Wir geniessen den Nachmittag zusammen am Strand, und am Abend gehen wir an ein Rockkonzert in der einzigen Bar im Städtchen – es ist ja Wochenende. 😀

Mit-der-Harley-nach-Spanien-3-Verloren-in-den-Pyrenaeen-Meer Mit der Harley nach Spanien – Teil 3: Verloren in den Pyrenäen
Am Meer in Torredembarra

Am Sonntag besuche einen Freund in der Nähe von Valencia und werde von seiner (Gross-)Familie gleich zum Paella-Essen eingeladen. Hausgemachte Paella am Herkunftsort dieses spanischen Nationalgerichtes – einfach perfekt! Nach dem Essen unternehmen wir mit unseren Motorrädern eine kleine Tour im Hinterland von Valencia, hinauf zu einem wunderschönen Aussichtspunkt.

Mit-der-Harley-nach-Spanien-3-Verloren-in-den-Pyrenaeen-Valencia Mit der Harley nach Spanien – Teil 3: Verloren in den Pyrenäen
Wunderbare Aussicht in der Nähe von Valencia

Nach Valencia fahre ich der Mittelmeerküste entlang bis nach Benidorm. Von dort geht es im Landesinnern weiter. Mir gefällt das Landesinnere besser als die Küste. Es hat praktisch keinen Verkehr, und man fährt dort auf guten Überlandstrassen, anstelle durch die kleinen Küstenorte mit den vielen Strassenschwellen vor den Fussgängerstreifen, bei denen man nur mit knapp 20 km/h drüber fahren kann.

Die Fahrt übers Land ist abwechslungsreich. Mal geht es über einen kleinen Berg, mal fahre ich in einem schmalen Flusstal, dann kommen grosse und weite Felder, dann kleine Felder, die gerade abgebrannt werden. Auch das Wetter wechselt ständig: Zwei Minuten Regen, dann fünf Minuten Sonne und wieder etwas Regen, gefolgt von Sonnenschein. Der grösste Unterschied zu den Tagen vorher: Ich muss nicht mehr frieren. 😀

Nach total 11 Tagen und 2657 Kilometern ist es endlich soweit: Ich erreiche mein Ziel und zukünftige Heimat: Ronda 😀

Mit-der-Harley-nach-Spanien-3-Verloren-in-den-Pyrenaeen-Ankunft-Ronda Mit der Harley nach Spanien – Teil 3: Verloren in den Pyrenäen
Ankunft am Ziel in Ronda

 

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